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Martin Veith

Arbeiterbus

Ich tröste mich damit, dass dieser Scheiss in maximal sechs Monaten vorbei sein wird. Bin ich feige? Oder hab ich einfach keine Lust mich dem Verwertungsprozess unentgeltlich auszusetzen…und tue es ja doch täglich?

Wenn ich morgens um 4.00 aufstehen muss, stehe ich kurze Zeit danach an der Bushaltestelle. Mit mir zwei ältere Frauen. Beide scheinen in der Verwaltung zu arbeiten. Ein Sitz-Job, wahrscheinlich haben sie die Möglichkeit zwischendurch Kaffee zu trinken oder kleine Pausen zu machen.

Am Brill treffe ich dann auf die anderen. Die dünne Blondhaarige mit dem ausdruckslosen Gesicht und den Stöpseln mit Musik im Ohr, die beiden Schwarzen in rotem Arbeitsanzug und kleinen Umhängetaschen. Keiner sagt ein Wort. Dann kommt die Linie 64. Voll gestopft mit anderen, die den gleichen Weg haben. Sie müssen wie ich ins Güterverkehrszentrum.

Einen Sitzplatz habe ich noch nie bekommen. Viele andere auch nicht. Denn wenn der Bus am Hauptbahnhof losfährt ist er bereits überfüllt. Auf den Sitzen dösen noch einige vor sich hin. Den Kopf gegen die schmutzige Fensterscheibe gepresst. Alle anderen quetschen sich dicht zusammen. Versuchen sich irgendwo im Bus festhalten zu können. Körperkontakt nach allen Seiten ist Standart. Niemand regt sich ernsthaft darüber auf. Man ist es schon gewohnt. Jeden Morgen sehe ich die gleichen Gesichter, manchmal auch neue und manche kommen nicht mehr wieder. Die meisten sind Mitte 20, viele Frauen, viele Männer und viele Afrikaner. In den Kurven schaukeln wir hin und her. Wir sind zu Müde uns mit einem Lächeln zu entschuldigen wenn der Nachbar angestoßen wird. Das muss aber auch nicht sein. Jeder hat Verständnis. Zwei Frauen sind mir besonders aufgefallen. Eine hat bislang immer einen Sitzplatz in der Nähe des Fahrers ergattert. Dort sitzt sie und blickt mit weit offenen Augen unter ihren blonden Haaren auf die wackelnde Masse im Bus. Ich glaube sie hat schon viel Schlimmes erlebt. In ihren Augen steckt etwas Wahnsinn und auch Angst. Sie ist mir sympathisch. Direkt neben mir steht eine schwarzhaarige Frau. Ich schätze sie ist Türkin und tippe sie auf Mitte 20. Ihr Gesicht weißt überall kleine Narben auf. Ihre Augen blicken fest und genervt und wenn sie – wie wir alle - durch die Fahrt hin und her schwankt folgt ihr mein Blick automatisch. Ich stelle sie mir mit der Waffe in der Hand vor und muss lächeln. Ich glaube viele Männer wünschen sich eine solche Lady. Keine verwöhnte Tussi. Was sie denkt weiß ich nicht. Ich wünsche mir dass sie glücklich ist.

An den nächsten Haltestellen steigen weitere Menschen zu. Der Platz wird noch enger. So fahren wir durch die Dunkelheit Meter für Meter ins GVZ. Still. An uns ziehen die LKW vorbei. Dann taucht in einer Kurve, von meterhohen Lichtmasten beschienen, das hellgelbe Tchibo-Hochregallager auf. Ein … oder besser gesagt mehrere zusammengeklebte Klötze. Hoch wie alte Schornsteine. Weit wie mehrere Fußballplätze. Umzingelt von dutzenden LKW´s. Doch mit modernster Technik ausgerüstet. Der Bus hält. Und wie ein Schwall Wasser ergießt sich die Mehrheit aus den Türen. Schweigend. Der Schwall stürzt sich die Treppen zum Eingang hinab. Zückt die Einlasskarten an den Drehkreuzen und verschwindet im Bauch der Maschine. Wenige Stationen später steige ich aus. Nach dem Zücken der Einlasskarte verschwinde auch ich durch das Drehkreuz und wenig später in der Maschine.

*

Nach der Arbeit sehe ich manche wieder im Bus. Er ist nicht mehr ganz so voll wie am Morgen. Aber für alle gibt es noch immer keinen Sitzplatz. Die meisten stehen bei der Arbeit und müssen das nun auch weiterhin im Bus.

Die Blonde mit den offenen Augen und dem leichten Wahnsinn zieht ihre Arbeitsschuhe aus. Hellblaue Socken kommen zum Vorschein. Eine Freundin reicht ihr andere Schuhe. Der Typ neben mir ist eingeschlafen. Stöpsel mit Musik im Ohr. Einige Afrikaner reden leise miteinander. Einige Jüngere tauschen sich über die Leistungen ihrer mp3 Player aus. Ein anderer spricht zu seinem Nachbarn dass er nicht weiß ob er den 6-Monats Vertrag annehmen soll. Sein Gesprächspartner lächelt und meint „Mir werden sie keinen mehr anbieten. Ich habe zu viele Fehlzeiten“. Er hat große Zahnlücken und ist vielleicht 19 Jahre alt.

Meine Lippen sind schmal. Meine Augen hart. Ich stelle mir Fragen. Und gebe mir noch keine Antworten. Vielleicht will ich die Hoffnung nicht aufgeben.

Denken sie nie an Sabotage? Denken sie nicht daran mit diesem Irrsinn, der uns allen das Leben raubt, Schluss zu machen? Muss es so sein, das wir kaum etwas vom Leben haben, während einige Aktionäre und Firmenchefs in Luxusvillen sorgenfrei ihr Leben genießen? Denken sie, sie sind weniger Wert als dieser reiche Abschaum? Denken sie Ausbeutung ist ein Naturgesetz? Ist der Horizont der mp3 Player?

Was wäre, wenn wir uns zu einer großen militanten Gewerkschaft zusammen schlössen? Und diesen Dreck beenden.

Bremen, 25.02.2007

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